Eben noch Enkel, heute Opa: Wie die Fürsorge meiner Großeltern meinen Weg mitbestimmte


Wenn man Opa ist und auch noch in Pension, hat man Zeit nachzudenken. Auch über das eigene Leben. 

Jetzt bin ich selber in der Opa-Rolle. Und es ist gefühlt nicht so lange her, da war ich selber Enkel. Wenn ich hier so sitze und nachdenke, springen meine Gedanken wild durch die Jahrzehnte. 

Meine Großväter haben mich sehr stark geprägt. Als Kind war ich sehr viel bei meinen Großeltern.

Meine Großeltern väterlicherseits stammten aus Pressburg. Bratislava heißt es heute und ist die Hauptstadt der Slowakei. Dort lebten vor dem Zweiten Weltkrieg Deutsche, Ungarn und Slowaken friedlich zusammen. 

Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Deutschen vertrieben. Ich stamme also sozusagen aus einer Flüchtlingsfamilie. Die ganze Diskussion in Deutschland der letzten Jahrzehnte über Deutsche und Ausländer ist so überflüssig, dumm und kindisch. Alle sind wir doch Migranten – früher oder später gewesen.

Mein Opa war ein Handwerker, Parkettleger. Aber er interessierte sich auch für Politik, für Musik. Er konnte Deutsch, Ungarisch und Slowakisch sprechen. Er war ein gutmütiger und sorgender Mann. Und er hat im hohen Alter seine Memoiren aufgeschrieben. Und heute kann ich in einem 5 cm dicken Leitz-Ordner seine Geschichte und die der Familie aus seinem Blickwinkel nachlesen. Das ist wirklich toll.

Die vertriebenen Deutschen aus Pressburg landeten erst in Österreich und wurden dann nach Deutschland verteilt. Meine Großeltern und die drei Buben landeten im Taubertal. In einer einfachen Wohnung mussten sie sich einrichten. Mein Großvater arbeitete in einer Holzfabrik. Weil er aber Parkettleger war, suchte er nach Möglichkeiten, seinen Beruf wieder auszuüben, und landete dadurch irgendwann in der Kurpfalz.

Der Wiederaufbau der zerstörten Städte war im vollen Gang und Menschen mit Geld ließen sich in ihren Häusern Parkett verlegen. Tagsüber verlegte er von morgens bis abends Parkett und nachts schlief er in einem Bunker auf 6 Quadratmetern mit einem zweiten Mann. Alle paar Wochen besuchte er die Familie. Obwohl er einigermaßen gut verdiente, blieb nicht viel übrig vom Geld. 

Irgendwann heuerte er an bei einer Firma, die in Hessen in den Häusern und Kasernen der Amerikaner Parkett verlegte. Da er zügig arbeitete, verdiente er gutes Geld und konnte etwas Geld sparen. 1950 war es dann soweit: Es gelang, eine Wohnung zu bekommen in der Kurpfalz.
Während die Familie schon umziehen konnte, musste der Opa noch in den Ami-Kasernen Parkett verlegen und war noch getrennt von der Familie. Schließlich gelang es dann, Arbeit vor Ort zu finden. Die Familie war wieder zusammen und konnte sesshaft werden in der neuen Umgebung. 

13 Jahre alt war mein Vater da.
Und schon 12 Jahre später war ich unterwegs. Wie schnell so was geht... 

Und 28 Jahre später bewarb sich ein junger Kurpfälzer bei der Verwaltung um eine Stelle in der Seniorenberatung als Sozialarbeiter. Und weil eine Mitbewerberin für die Stelle ausgewählt wurde, bot man dem jungen Mann eine Stelle in der Flüchtlingsberatung an. 
Es war 1991, und durch den Zusammenbruch des Ostblocks und die Jugoslawienkrise strömten Flüchtlinge nach Deutschland. Man brauchte dringend Leute, die sich da kümmerten. Und so landete ich tatsächlich bei meiner ersten richtigen Stelle in der Flüchtlingsbetreuung.

Die Kinder, die in den 90ern geboren wurden, von denen spielen heute unter anderem zwei in der Nationalmannschaft: Nadiem Amiri und Denis Undav. Sie haben uns am Sonntag den Sieg beschert gegen die Elfenbeinküste. Das sind beeindruckende Flüchtlingsfamilien und Schicksale, die sich durch schwere Zeiten gekämpft haben. Genauso wie mein Opa.

Lieber Opa, ich danke dir so von ganzem Herzen für das alles.

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