Giersch ist mein Freund – Bekenntnisse eines entspannten Gärtners
Gut, dass ich das nicht mehr machen muss.
Stattdessen moderiere ich heute sanft und gemütlich den Wildwuchs in meinem Schrebergarten.
Nach all den Jahren, in denen ich beruflich Verantwortung für schwierige menschliche Prozesse getragen habe, genieße ich jetzt die Erleichterung, nur noch der Natur beim Wachsen zuzusehen.
In Deutschland ist ein Umdenken in der Schrebergartenszene im Gange. Auch wenn sich der preußische Schrebergarten mit seinen Ordnungsvorstellungen in manchen Köpfen noch hartnäckig hält – so zumindest mein Eindruck.
Ich beobachte zum Beispiel türkische Familien, die ein fast preußisches Ordnungsdenken in ihren Gärten unserer Kolonie umsetzen. Alles wird mit Betonsteinen eingefasst und sehr ordentlich und sauber gepflegt. Die Idee vom naturnahen Garten ist hier oft noch nicht angekommen; andere Dinge stehen im Vordergrund, wie ein Anbau an der Laube oder eine Solaranlage für den großen Kühlschrank.
In unserer Schreberkolonie hat sich das naturnahe Gärtnern nach meiner Beobachtung noch nicht so durchgesetzt. Ich glaube, es gibt andere Kolonien, wo das anders ist.
Ich finde es naturnah viel schöner, lasse einiges an Wildwuchs zu und versuche nur sanft einzugreifen. Ich mag es, wenn meine Bäume und Sträucher groß werden dürfen. Das bietet den Vögeln mehr Unterschlupf und Lebensraum. Gänseblümchen und Löwenzahn dürfen bei mir im Rasen bleiben. Ich dünge den Rasen Ende März, was die Gräser stärkt und die Population der Wildkräuter auf natürliche Weise in Grenzen hält.
Der Giersch darf unter den Himbeeren und unter der Hecke wachsen. Er ist mein Freund, er gefällt mir und er schmeckt mir sogar. Zunehmend habe ich immer mehr wilde Ecken, in denen sich Gundermann oder Borretsch ausbreiten. Entlang des Zauns habe ich Benjeshecken aufgeschichtet, die von diversen Wildkräutern bewachsen werden – das sieht gut aus und ist ökologisch sinnvoll als Unterschlupf für allerlei Insekten. Im Rasen habe ich zusätzliche Wildblumeninseln geschaffen. Sogar mit der Quecke in einigen Rabatten habe ich Frieden geschlossen. Ich mache sie gar nicht mehr raus, sondern schneide sie einfach kurz. Unter meinem kleinen Apfelbaum sieht sie sogar richtig gut aus.
Chemie benutze ich überhaupt nicht. Gespritzt wird gar nichts. Gedüngt wird mit natürlichen Stoffen. Zum Beispiel werden Brennnessel- und Gierschblätter abgeschnitten und als Mulchschicht um die Rosen oder um die Tomaten gelegt. Bis jetzt ist noch alles gut gewachsen und auch die Tomaten gedeihen immer wunderbar – ganz ohne Tomatendach. Meinen Rasen habe ich in vierzehn Jahren noch nicht einmal vertikutiert. Durch das Düngen im März wird er saftig grün und dicht. Er sieht natürlich aus mit Klee, Gänseblümchen, Löwenzahn, Gundermann und an manchen Stellen auch Moos. Mir gefällt er genau so. Er dient zum Liegen, zum Fußballspielen und zum Rumtoben am Planschbecken. Ein richtiger Familienrasen eben – unkaputtbar.
Meine Beete und meine Rosenrabatten werden immer mit Rasenschnitt, Gierschblättern und Brennnesseln gemulcht. Das ist gut für das Bodenleben und hält den Boden feucht. Ich habe sehr viel Sonne; ohne Abdeckung würde der Boden schnell sehr trocken und hart werden. Wenn man jetzt unter den Mulch schaut, sieht man, wie feucht der Boden bleibt und wie wohl sich die Regenwürmer und Asseln dort fühlen.
Man hat übrigens herausgefunden, dass Schrebergartenanlagen eine sehr hohe Bedeutung für die Ökologie der Städte haben. Von daher hoffe ich, dass sich das naturnahe Schrebergärtnern immer weiter durchsetzt.
Es ist ein schönes Gefühl, diese neue Freiheit im Garten so entspannt mit der Natur zu teilen.
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