I'm my own walkman
In München habe ich mir sehr bald einen Jazzgitarrenlehrer gesucht und nahm Unterricht bei Thorsten Klentze.
Er war selbst erst 1981 von Hamburg nach München gezogen, um Jazz zu spielen, und verdiente sich sein Geld mit Unterrichten. Abends hörte ich Jazz im Radio und nahm Kassetten auf.
Nach einem Jahr ging es zurück in die Kurpfalz. Mit einem Freund spielte ich regelmäßig im Duo; wir hörten Platten und teilten unsere Leidenschaft. Der Freund hieß Jogi. Wir lasen auch die Jazzzeitschriften, und ich glaube, es war Jogi, der von einem neuen Sänger gehört hatte, der ganz alleine auf der Bühne stehen sollte – ohne Band. Er wurde in der Fachpresse wohl ziemlich gehypt. Auf jeden Fall besorgten wir uns Karten für den Mannheimer Rosengarten, und am 19. März 1984 saßen wir gespannt im Saal.
Und was wir da hörten – ja, erlebten –, begeisterte uns restlos.
Da sang ein Mann ganz alleine und klang wie eine ganze Band. Ohne technische Tricks. Ganz pur. Ein Mikrofon, ein Stuhl. Der ganze Saal war wie gebannt. Er kommunizierte mit uns Zuschauern auf wunderbare Weise und bezog uns in seine Stücke ein. So ließ er uns zum Beispiel in drei Gruppen rhythmisch Töne singen, die zusammen einen Akkord ergaben, und improvisierte darüber.
Alles war leicht und humorvoll. Der Spaß, den dieser junge Mann beim Singen hatte und dabei einen ganzen Saal im Griff zu haben, sprang schnell auf uns Zuhörer über. Die ehrliche und pure Begeisterung hört man auf der Platte The Voice, die Bobby McFerrin nach seiner bahnbrechenden Deutschlandtournee 1984 herausbrachte.
Ein Hit aus diesem Konzert war für mich ganz klar „I’m My Own Walkman“. Das Stück inspirierte mich nachhaltig. Der Groove, der Einsatz des Körpers als Perkussionsinstrument, die Idee, unterwegs zu sein und für sich selbst zu singen und beschwingt diesen besonderen Gang zu bekommen ...
People sayin' hey! How do you get to walk like that?
Well I, I’m my own walkman...
Viele Male stand ich in den Jahren danach zu Hause vor dem Spiegel und klopfte den Jazzgroove auf meine Brust. Als ich mein Studium der Sozialen Arbeit abgeschlossen hatte, auf den Beginn meines Zivildienstes warten musste und auf meine staatliche Anerkennungsprüfung hinarbeitete, fand ich einen Job im Plattenladen World of Music (WOM).
Sehr bald durfte ich die Jazz-Abteilung mit betreuen. Es gab verschiedene Abteilungen, und jede durfte jeden Tag fünf Plattenvorschläge „in die Mitte“ geben, die dann im Laden gespielt wurden.
Lustigerweise wurde der Tune „Don’t Worry, Be Happy“ von Bobby McFerrin genau in dieser Zeit zum Welthit. Die Leute strömten in die Jazz-Abteilung, um sich die Single von Bobby McFerrin zu kaufen.
Ein leichtes Gefühl der Verachtung für die breite Masse konnte ich dabei nicht verhehlen – dass sie jetzt so sehr auf diesen einen Song abfuhren, sich aber nicht die für mich beste Platte aller Zeiten, The Voice, besorgten.
Heute schaue ich zurück auf 43 Jahre Soziale Arbeit und Jazzleidenschaft.
Der Song „I’m My Own Walkman“ ist ein gutes Lebensmotto für mich und meinen Ruhestand geworden: Alleine zu leben – mit Freude und Leichtigkeit. Mit einer Portion Humor. Mit einer Prise, sich selbst nicht zu ernst nehmen. Mit Mut zur Kreativität. Und auch, sich selbst genug sein zu können.
Und als ich jetzt ein paar Tage bei meiner kleinen Enkelin zu Besuch war, ergab es sich, dass ich ihr ein wenig Body Percussion zeigte. Sie war begeistert davon und versuchte mit Leidenschaft, den Opa zu imitieren.
Hier kommt der Link:
https://open.spotify.com/track/29qjNuyXXEunWcrEMShGlY?si=DOgpeJ4rT--b-3k0funXSg
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