Vom Schock zur Vision: Zeit für einen gesellschaftlichen Hilfeplan



Ganz Deutschland ist schockiert und trauert um den getöteten Zugbegleiter Serkan C., der von einem Schwarzfahrer bei der Ausübung seines Dienstes auf brutalste Weise zusammengeschlagen wurde. Er verstarb tragischerweise am folgenden Tag an seinen schweren Verletzungen. Er war alleinerziehender Vater von zwei Söhnen im Alter von 11 und 13 Jahren. Nun wird mit Recht darüber diskutiert, wie man die Sicherheit der Bediensteten bei der Bahn maßgeblich verbessern kann. Es ist gut und wichtig, dass man sich hierüber endlich ernsthafte Gedanken macht.

​Man hört viel in den Medien darüber, dass der gesellschaftliche Ton rauer wird. Gerade Mitarbeiter in den Dienstleistungsberufen sind immer häufiger Anfeindungen, Drohungen, Hasstiraden und konkreter Gewalt ausgesetzt. 

Das Aufkommen der Populisten in der Politik ist hierfür ein deutliches Alarmsignal. Dieses menschenverachtende Gerede und Geschrei der Rechtspopulisten ist mittlerweile sogar im Parlament angekommen. Erschreckenderweise übernimmt selbst die CDU punktuell diese Rhetorik und betreibt eine gefährliche Sündenbock-Politik.

​Nach der Tat in der S-Bahn wird nun auch aus Regierungskreisen wieder lautstark nach einer Verschärfung des Strafgesetzbuches gerufen. Doch das hilft bekanntermaßen wenig. Meiner Meinung nach sollte man stattdessen viel stärker in die Prävention investieren. Vielleicht brauchen wir eine breite Diskussion in unserer gesamten Gesellschaft. Es wäre ein starkes Zeichen, wenn der Bundespräsident dieses Thema ganz oben auf die Tagesordnung hieven würde. Die gesamte Gesellschaft sollte aufgerufen sein, sich an einer neuen „Agenda des Zusammenlebens“ zu beteiligen.

​In meiner Zeit als Sozialarbeiter in der Jugendhilfe hatten wir das Instrument des Hilfeplans. Alle Beteiligten kamen an einen Tisch und haben gemeinsam über Ziele verhandelt. Dabei wurde vor allem auf Ressourcen geschaut, auf Entwicklungspotenziale und auf positive Ziele. Erfolg hat man hier vor allem dann, wenn man früh ansetzt – am besten schon in der Grundschule. Ein wichtiger Punkt war, dass das Kind – nennen wir ihn Lukas – die Ziele selbst mitentwickeln durfte. Er konnte selbst formulieren, was er in schwierigen Situationen für sich als hilfreich empfindet und was er dann tun möchte.

​Das Ziel lautete also nicht einfach: „Lukas hört auf, andere zu schlagen.“ Stattdessen erarbeiteten wir gemeinsam: „Wenn Lukas sich ungerecht behandelt fühlt und merkt, dass die Wut in ihm hochkocht, geht er zu seiner Lehrerin. Sie hilft ihm dabei, sich zu beruhigen, indem sie ihm eine kurze Auszeit gönnt.“ Weil Lukas diesen Weg selbst gewählt hatte, fühlte er sich ernst genommen und war bereit, es auszuprobieren. War ein Ziel für das Kind noch zu schwer, wurde es modifiziert, sodass es für ihn erreichbar blieb.

​Nun lässt sich das sicher nicht eins zu eins auf die gesamte Gesellschaft übertragen – vielleicht würde sich der eine oder andere gewaltbereite Mensch in unserer Gesellschaft gar nicht an einem solchen Prozess beteiligen wollen. Dennoch glaube ich, dass das Prinzip der Beteiligung auf breiter Ebene ein Schlüssel für eine neue Agenda sein könnte.

​Heutzutage könnte sich jeder bequem von zu Hause aus mit dem Handy einbringen, Ideen beisteuern und Vorschläge machen, was in einer solchen Agenda des Zusammenlebens stehen sollte. Am Ende könnte sogar eine gemeinsame Abstimmung stehen. Ich weiß nicht, ob so ein Projekt gelingen kann, aber vielleicht sollte man es einfach probieren. Möglicherweise würde diese breite Diskussion und die gezielte Orientierung an positivem, wünschenswertem Verhalten tatsächlich etwas bewirken.

​Oder sind das am Ende doch nur wieder meine alten Sozialarbeiterträume?

Kommentare

  1. Wenn ich mir die Kommentare so in den Sozialen Medien als durchlese da wird mir nur leider immer eher schlecht. So viel Hass und Hetze, habe den Eindruck das wird immer schlimmer. sich hinter anonymen accounts verstecken und furchtbare worte posten.
    Das mit dem Kontrolleur ist sehr tragisch. Ich kann nicht im geringsten verstehen was bei dem Täter los gewesen sein muss.
    Stimme dir zu dass es viel mehr Prävention braucht, ein riesen Problem jedenfalls das man mit Priorität anpacken sollte.

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